| fakten >>wissen >> verlauf | ||
| |
Klinische Zeichen im Neugeborenen- und Kleinkindalter
Fast alle Neugeborenen mit einen Prader- Willi Syndrom zeigen eine ausgeprägte Muskelhypotonie, die sich auch schon während der Schwangerschaft bemerkbar macht. Die meisten Mütter berichten über verminderte Kindsbewegungen. Diese schon früh einsetzende Muskelschwäche führt häufig zu einer Beckenendlagenstellung bei der Geburt, die eine Entbindung durch Kaiserschnitt notwendig macht. Fehlende Schluck- und Saugreflexe bedingen Fütterungsprobleme, die sehr häufig eine Sonderernährung während der ersten Wochen bis Monate bedingen. Die Muskelhypotonie verursacht weiterhin eine verzögerte motorische Entwicklung. Sitzen und Laufen werden später als normal erlernt. Als Ausdruck einer verminderten Ausschüttung von Geschlechtshormonen zeigt sich insbesondere bei Jungen ein kleiner Penis sowie ein Kryptorchismus. Bei Mädchen sind die Labia Minora meist hypoplastisch. Klinische Zeichen des Prader-Willi-Syndroms vom 1. bis zum 5. Lebensjahr Neben den oben erwähnten verzögerten Meilensteinen der Entwicklung macht sich in dieser Entwicklungsperiode besonders die verzögerte Sprachentwicklung bemerkbar. Ist die Sprache einmal erlernt, sind es vor allem die deutlichen Artikulationsprobleme, die bei den meisten Kindern während ihres ganzen Lebens bestehen. Während dieser Lebensspanne fällt auch in der Regel der Beginn der Adipositas mit Gewichten deutlich oberhalb der 97%-Perzentile. Die Fettverleilung ist meist trunkal, jedoch können auch die Extremitäten betroffen sein (Holm, 1981). Das Essen wird zum zentralen Thema im Leben eines Prader-Willi-Kindes. Es zeigt sich nicht nur ein deutlich gesteigerter Appetit, sondern auch ein nicht vorhandenes Sättigungsgefühl. Bei etwa der Hälfte der Patienten zeigen sich eine helle Haut, blaue Augen und blonde Haare, also Zeichen einer Hypopigmentierung. Bei diesen Patienten findet sich in der Regel eine Deletion an einem Chromosom 15 (15q1 1-13). Bei 30 bis 50% der Kinder in dieser Altersgruppe finden sich Sehprobleme, etwa 60 bis 70 zeigen einen Strabismus. Dysmorphe faziale Züge werden klarer. Hier finden sich insbesondere ein verminderter biparietaler Durchmesser, mandelförmige Augen, herabhängende Mundwinkel sowie eine Akromikrie. Klinische Zeichen des Prader-Willi-Syndroms vom 5. bis zum 12. Lebensjahr Mit Beginn der Schulreife werden die reduzierten kognitiven Fähigkeiten der Prader-Willi-Syndrom-Patienten immer deutlicher. Das Spektrum reicht von einer schweren mentalen Retardierung bis hin zu Patienten, die eine niedrig normale Intelligenz aufweisen. Weithin sind die Verhaltensprobleme bei nahezu allen Patienten auffällig. Schon kleinste Änderungen vom regelhaften Tagesablauf können zu massiven Wutausbrüchen (Temper Tantrums) führen (Whitman et al., 1987).Obwohl Verhaltensprobleme schon im Kleinkindalter vorhanden sein können, nimmt deren Bedeutung und Tragweite mit zunehmendem Alter zu. Die meisten Patienten dieser Altersgruppe zeigen ein erniedrigtes Schmerzempfinden. Dies ist im Zusammenhang mit dem Phänomen des "Skin picking" zu sehen. Die Patienten knibbeln an verschiedenen Stellen ihrer Haut bis hin zu großflächigen Wunden, die mit Narbenbildung verheilen. Das "Skin picking", das bei mehr als 80% der Patienten gefunden wird, ist als ein sehr sensitives klinisches Zeichen anzusehen. Ein weiteres Problem, das in dieser Altersgruppe deutlich wird, ist eine Skoliose, die bei einigen Patienten eine chirurgische Intervention notwendig macht. Klinische Zeichen in der Pubertät und im Erwachsenenalter Etwa 80-100% der Prader-Willi-Syndrom Patienten zeigen eine fehlende und unvollständige Pubertätsentwicklung als Ausdruck eines hypogonadotropen Hypogonadismus. Es stellt sich die Frage, ob eine Therapie mit Testosteron zur Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale bei Jungen sinnvoll ist. Ausreichende Studien hierzu liegen bisher nicht vor. In einigen Fallbeispielen zeigt sich unter der Testosterongabe eine Zunahme der Verhaltensproblematik, insbesondere ein aggressives Verhalten. Bei Frauen mit Prader-Wilii-Syndrom scheint eine Hormonsubstitution sinnvoll zu sein, unter anderem, um eine konsekutive Osteoporose zu verhindern (Greenswag, 1987). Nahezu alle erwachsenen Patienten zeigen einen Minderwuchs mit Werten unter der dritten Perzentile. Der Minderwuchs zeigt sich besonders jenseits der Pubertät. Zum einen ist hierfür der Hypogonadismus verantwortlich, zum anderen zeigen einige neue Studien, daß eine verminderte Wachstumshormonausschüttung vorhanden ist (Lee et al., 1987). Bei vielen Patienten mit Prader-Willi-Syndrom, insbesondere dann, wenn die Diagnose erst spät gestellt wird, zeigt sich, wie schon vorher berichtet, im Erwachsenenalter eine massive Adipositas. Diäten (< 1200 Kilokalorien pro Tag) scheitern zwangsläufig und häufig an der mangelnden Kooperation der Patienten. Dieses massive Übergewicht beinhaltet ein hohes Erkrankungsrisiko im Hinblick auf das Herz-Kreislauf- und Gefäßsystem, sowie ein erhöhtes Mortalitätsrisiko. Ein Typ-II-Diabetes ist eng gekoppelt mit dem Übergewicht und tritt bei etwa 5-10% der Patienten auf. Viele Patienten haben Kariesprobleme, die ursächlich mit einer veränderten zähen Speichelzusammensetzung zu sehen sind. Häufig wird zusätzlich eine nicht ausreichende Mundhygiene betrieben. Gabriele Gillessen-Kaesbach |
|