| |
Der Weg entsteht im Gehen
Angefangen hat alles damit, daß ich ungewollt schwanger wurde.
Nach einer problematischen Schwangerschaft mit Frauenarztwechsel, Tokolyse
(Wehenhemmer) in der 32 SSW, wurde Andi, mein Sohn, geboren.
Zweimal war Andi unterm Blauen Licht wegen einer Neugeborenengelbsucht.
Ansonsten war er sehr trinkfaul, schläfrig und schlapp. Immer wieder
hatte ich darauf aufmerksam gemacht und immer wieder wurde mir durch
die Ärzte mitgeteilt, dass alles in Ordnung sei. Das hielt bis
zum Entlassungstag an, an dem ich mich so nicht mehr abfertigen ließ.
Nach einigem Hin und Her bekam ich eine Überweisung in das Universitätsklinikum.
Völlig aufgelöst fuhr ich mit meinem Sohn und meinem Mann
von einer Klinik in die andere.
Die Seifenblase nun mit einem - nein meinem - Kind nach Hause zu fahren
war geplatzt. Er wurde erst einmal zur Beobachtung auf die Normalstation
gelegt. Zwei Tage später war er wegen sovieler Alarme, er war an
einen Lungen-Monitor angeschlossen, auf die Intensivstation verlegt
worden Ohne vorher informiert worden zu sein, fuhr ich in die Klinik
und entdeckte Andis leeres Bettchen. Ich war schockiert und dachte,
jetzt ist er tot. Die Schwestern, die ich fragte, wo er denn sei, durften
mir nichts sagen. Der Stationsarzt erklärte mir dann, nach etlichen
Minuten des Wartens, wo er war.
Auf der Intensivstation begann ich in den Armen meines Mannes dann endlich
an zu weinen. All die verhaltene Wut, Schmerz, wie kann man uns das
alles antun, warum muß unser unschuldiges Kind so leiden, brach
aus mir heraus.
Während der ersten Zeit dort baute Andi immer mehr ab. Er wurde
16 Tage künstlich am Leben erhalten, das heißt er wurde beatmet
und künstlich ernährt. Überall nur Schläuche und
irgendwo ein bisschen Kind, das nicht sterben durfte. Ja, mein Mann
und ich haben uns häufig gefragt, was für Andi besser wäre.
Ein ehrwürdiger Tod oder aber ein Leben - Was für ein LEBEN!
Langsam aber sicher ging es mit Andi bergauf, sein Herz und seine Atmung
wurden stabiler. Schließlich kam er auf die Normalstation und
wurde nach 3 Monaten entlassen.
Wir haben in dieser Zeit ein Gespräch mit der Chefärztin geführt,
wo wir klar gefragt haben was wir zu erwarten haben. Sie teilte uns
mit, dass wir ein schwerbehindertes Kind haben würden, aber es
keine genaue Diagnose gibt.
Nun kam Andi nach Hause - nach 3 Monaten der Ängste, Unsicherheiten
und Hilflosig keit. Ich kümmerte mich um eine Krankengymnastikerin,
die ich einmal die Woche konsultierte. Sie turnte Vojta mit ihm. Zweimal
am Tag bearbeitete ich mein Kind 20 - 30 Minuten unter Tränen.
Er schrie sich die Seele aus dem Leib. Aber ich wollte ihm doch etwas
Gutes.
Ich wollte so viel erreichen, wie nur möglich. Soweit wie möglich
an das Gesunde herankommen. Ich fühlte mich schuldig, weil ich
die Schwangerschaft nicht wollte und lange damit zu kämpfen hatte,
weil ich vom 5 -7 Monat der Schwangerschaft geraucht hatte, weil ich
im Entbindungskrankenhaus keine Beziehung zu ihm aufbauen konnte und
anschließend in der Uniklinik ebenfalls nicht. Ich wollte das
alles ungeschehen machen. Jedes Mal jedoch, wenn ich mit ihm raus ging,
sei es zum Arzt, zur Krankengymnastik oder einfach nur spazieren, schämte
ich mich. Ständig dachte ich jeder sieht es - jeder sieht, du hast
ein behindertes Kind. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich das ablegen
konnte.
Immer wieder wollten wir natürlich auch wissen, was ist das was
Andi hat. Wir gingen nach Berlin, Bethel und Belgien - doch keiner konnte
uns Antworten geben. Antworten auf das "Warum!". Als Andi
ca. 1 Jahr alt war, fing ich an die Spielgruppe im Sozialpädiatrischen
Zentrum zu besuchen, um andere Eltern mit behinderten Kindern kennen
zu lernen, ein Stück Normalität zu erleben und Spaß
mit meinem und anderen Kindern zu haben. Fast gleichzeitig gingen mein
Mann und ich in eine Selbsthilfegruppe, die ebenfalls vom Sozialpädiatrischen
Zentrum angeboten wurde. Unser Ziel war es, besser mit der Behinderung
unseres Sohnes umgehen zu können und natürlich auch ein gewaltiges
Stück Trauerarbeit zu leisten.
Allmählich lernte ich wieder eigene Bedürfnisse haben zu dürfen.
Um diese ausleben zu können brauchte ich jedoch jemanden, der auf
Andi aufpasste während dieser Zeit. So lernten wir den FID-Dienst
(Familienentlastungsdienst) kennen. Dieser wird vom Behindertenreferat
angeboten. Die Zeit ohne mein Kind habe ich sehr genossen. Ich hatte
das Gefühl endlich wieder ein bisschen Luft zu bekommen. Nicht
zu vergessen waren die vielen Gespräche mit unseren Familien und
Freunden, die große Anteilnahme an unserer Situation gezeigt haben.
Nicht alle sind geblieben, aber die, die sich nicht zurückgezogen
haben, kann man nun wirklich als Freunde bezeichnen. In unserer Nachbarschaft
hat sich im Laufe der ganzen Jahre das Modell der Integration irgendwo
verwirklicht. Immer wieder habe ich Fragen beantwortet oder gezeigt
wie und was man alles mit Andi anstellen kann. Die Hemmschwelle auch
der Erwachsenen ist so gut wie weg.
Langsam aber sicher wurde Andi unser Kind. Er darf sein wie er ist,
mit seinen Fehlern und vor allem Stärken. Heute habe ich drei Kinder
und ich liebe jedes um seiner selbst willen. Ich habe selten mit den
Menschen im Hinblick auf Andi schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn Andi
mal wieder einen Schreianfall bekommt, schauen die Leute selbstverständlich.
Aber schauen sie nicht auch bei einem gesunden Kind? Ist es nicht ein
Stück Normalität? Ich habe das Gefühl, dass mein Sohn
in seiner kleinen Welt glücklich ist und das möchte ich ihm,
soweit es in meiner Macht steht, erhalten. Er ist jetzt 6 1/2 und hat
PWS, wie wir mittlerweile wissen.
|
|