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Thomas - unser bärenstarkes Kind
Blind, hilflos und auf Lebenszeit auf die Hilfe anderer angewiesen,
so dramatisch schilderte uns die Ärztin in der Geburtsklinik die
Aussichten für unseren Sohn. Wie gut, daß sich auch Ärzte
manchmal irren können.
Thomas wurde als dritter Sohn im September 1985 in Frankfurt geboren.
Die Umstände seiner Geburt waren alles andere als ideal: Frühgeburt
im 7. Monat, Schwangerschaftsvergiftung der Mutter, Steillage und Nabelschnur
mehrfach um den Hals gewickelt. Mit 2500 gr und 48 cm kam das "Frühchen"
für mehrere Tage in den Brutkasten.
Noch im Krankenhaus wurde ein erstes Aussetzen der Atmung festgestellt.
Fortan lebte Thomas unter ständiger Bewachung eines Monitors, der
Atmung und Herzschlag kontrollierte. Der kleine Kerl lag schlaff und
ohne spürbare Regung in seiner Wiege. Daneben stand der Monitor,
der etwa einmal täglich Alarm gab. In diesen ersten 12 Monaten
stellten wir etwa 4 bis 5 echte Alarme fest, die anderen resultierten
aus Bewegungen des Kindes oder nicht richtig sitzenden Elektroden.
Thomas entwickelte sich weiterhin verzögert. Seine übergroße
körperliche Schlaffheit, deutliche Unverträglichkeit gegenüber
Kuhmilch-Produkten und allergische Reaktionen auf Ei führten uns
zu vielen Untersuchungen in den umliegenden Universitäten. Dort
wurde er bereits frühzeitig auf PWS hin diagnostiziert, wir lehnten
diese, wie wir damals dachten, voreilige Beurteilung und das "Schubladendenken
der Ärzte" ab, da auch der Test auf eine Veränderung
des 15. Chromosomen negativ ausfiel.
Thomas weitere Entwicklung in Stichworten: Krabbeln mit 2 Laufen im
Alter von 3 Jahren, Sprechen mit 4. Viele ärztliche, physio- und
psychotherapeutische Maßnahmen, die Thomas jeweils in einer Eigenschaft
ein kleines Stück weiterentwickelt haben. Insgesamt eine Entwicklung
gegen die "Norm", aber was ist das schon. Er wurde mit 6 Jahren
in eine Schule für Körperbehinderte eingeschult und nimmt
dort am Schulunterricht teil. Thomas besucht heute die 4. Klasse und
geniest einen Unterricht in einer kleinen Gruppe mit 5 anderen Schülern.
Je älter Thomas wurde, um so größer wurden die Probleme
mit seinem Körpergewicht. Er wiegt heute 77 kg bei einer Körpergröße
von 1,40 m. Er hat bereits zwei Kuren mitgemacht, die geholfen haben,
seine Gewicht jeweils um etwa 7 - 8 kg zu reduzieren. Nur leider lassen
sich die idealen Bedingungen eines Kuraufenthaltes nicht auf die private
Umgebung übertragen. Thomas hat in der Zwischenzeit detektivischen
Spürsinn für Verstecke von Süßigkeiten, für
die Küchentürschlüssel und für alles entwickelt
was im Hause vorhanden und nur im entferntesten eßbar ist.
Noch reicht sein eigener Wille und sein Verständnis nicht aus,
ihn vor unkontrollierter und übermäßiger Nahrungsaufnahme
zu schützen. Dennoch merken wir, daß er oftmals schon fragt
und überlegt, was er noch im Laufe eines Tages essen kann und was
nicht. Die beiden Kuraufenthalte in Bad Orb tragen, über die eigentliche
Kurzeit hinaus, erste Früchte.
Daneben stehen noch immer seine persönlichen Probleme bei hohen
Außentemperaturen, körperlichen Anstrengungen (Treppensteigen,
schnelles Laufen) und allergische Hautreaktionen nach dem Verzehr von
Zitrusfrüchten. Thomas ist nachts noch nicht sauber, was in erster
Linie auf seine nach wie vor bestehende Hypotonie zurückzuführen
ist.
Er braucht tagsüber einen weitgehend festgelegten Ablauf. Alle
unvorhergesehenen, kurzfristigen Änderungen führen oft zu
Wutausbrüchen. Diese sind dann nur mit viel Geduld und Überzeugungskraft
zu überwinden.
Thomas hat das Glück, zwei ältere Brüder (heute 18 und
15 Jahre alt) zu haben, die ihm viel geholfen und vorgelebt haben. Aber
auch die unter Geschwistern üblichen Randerscheinungen und Streitereien
fanden und finden statt. Aber wenn er sich freut und über etwas
so herzhaft lacht, daß sein ganzer Körper vor Heiterkeit
wackelt und bebt, dann kann keiner seinem Charme widerstehen und lacht
unweigerlich mit.
Andere Lebewesen faszinieren ihn ungemein. Unsere zwei Katzen und der
Hase erfreuen sich seiner intensiven Zuneigung. Thomas kümmert
sich liebevoll um die Tiere, sorgt für ausreichendes Fressen, achtet
auf notwendige Impf- und Arzttermine und hilft beim Säubern des
Hasenstalles. Sein besonderes Interesse gilt den Bienen; er ist der
Bienen-Spezialist in der Familie. Viele Bücher über diese
Insekten stehen in seinem Regal, und ein Besuch beim Imker ist für
die Zukunft fest eingeplant.
Ein Pflichttermin unter der Woche ist, wenn die Wagen der Müllabfuhr
in unserem Stadtviertel unterwegs sind. Egal bei welcher Tages- oder
Nachtzeit, Thomas beobachtet sehr genau, was dabei passiert. Er weiß
aus dem Handgelenk, wann welche Müllabfuhr in unserer Straße
erwartet wird. Besuche bei Entsorgungsunternehmen werden, wann immer
möglich, genutzt, um Neues zu sehen und zu lernen.
Besondere Freude bereiten ihm die regelmäßigen Besuche im
Schwimmbad. Hier nutzt er alle Einrichtungen in vollen Zügen, selbst
vor dem tiefen Wasser im 50m-Becken schreckt er nicht zurück. Thomas
genießt es offensichtlich, wenn er im Wasser sein Körpergewicht
nicht mehr spürt. Von unseren drei Söhnen ist er die größte
Wasserratte und manchmal kaum aus dem nassen Element herauszuholen.
Nachholbedarf besteht für Thomas im sozialen Bereich, da neben
der Schule menschliche Kontakte zu Gleichaltrigen im Privatbereich kaum
möglich sind. Selbst Erwachsene schrecken manchmal vor seiner Gestalt
und Kraft zurück; völlig unnötig, da er in seinem Herzen
ein sehr lieber und vertrauensvoller Mensch ist. Wer ihn kennt und mit
ihm bereits zu tun gehabt hat, weiß, was für ein liebenswerter
Mensch er ist.
Wir sind froh über seine Fortschritte und Entwicklung und neugierig
auf die kommenden Lebensabschnitte.
Thomas - unser Bürokraten-Schreck
Die unendliche Geschichte - Teil II
PWS-Kinder und -Jugendliche im täglichen Leben - eine nie enden
wollende Auseinandersetzung mit der sogenannten "normalen"
Umwelt. Vertreter von Behörden, Verkäufer in Geschäften
und selbst die Passanten auf der Straße - alle zeigen wenig Einsicht
in die alltäglichen Probleme dieser Behinderung. Wie können
Sie auch, ist das Prader-Willi-Syndrom doch keine auf den ersten Blick
ersichtliche Einschränkung. Gegenüber anderen Behinderten
fällt eben nicht sofort auf, was die Ursachen und Folgen dieser
Behinderung sind. Sie werden oft eingestuft "als Kinder, bei denen
die Eltern wohl nicht richtig aufgepaßt haben und nur die richtige
Erziehung fehlt".
Unser Artikel berichtet vom ständigen Kampf mit Behörden und
offiziellen Stellen und versucht, Hinweise und Tips im Umgang mit diesen
zu geben.
Beim Einkaufen:
Wie oft passiert es, daß das Verkaufspersonal mit kleinen Geschenken
an die Kinder der Kunden deren Bindung an das Geschäft erhalten
will. Nach dem Motto "eine kleine Scheibe Wurst kann doch nicht
schaden" oder "Das Brötchen macht eh nichts mehr aus"
werden bereitwillig und ohne vorherige Frage bei den Eltern Eßwaren
verteilt; Torpedos gegen unser Bemühen, Thomas´ Ernährungsplan
wenigstens einigermaßen im Griff zu behalten.
Ein mühsamer Ausweg ist sicherlich, das Verkaufspersonal zu informieren,
wie es sich gegenüber Thomas verhalten sollte. Dies bedingt aber
auch, daß Sie regelmäßig in den selben Geschäften
einkaufen gehen und neues Personal unverzüglich mit den nötigen
Angaben versorgen. In jedem Fall ist hier Ihre Initiative gefordert,
aktiv auf diese Betroffenen zuzugehen.
Vom Umgang mit Ärzten:
Wir sind in der glücklichen Lage, bei unserem Hausarzt großes
Interesse für das PWS-Syndrom gefunden zu haben. Er investiert
viel Zeit, alle Neuerungen zu erfahren und Erkenntnisse aufzunehmen.
Er ist nicht nur bereit, unsere Anliegen gegenüber Krankenkassen
und Behörden zu unterstützen, sondern greift von sich aus
das PWS-Thema auf. Er hat auch unsere Beobachtung bestätigt und
eine weitere PWS Betroffene diagnostiziert, die er inzwischen ebenfalls
betreut.
Versuchen Sie, einen Allgemeinmediziner zu finden, der eine Kombination
von Lehrbuchmedizin und gesundem Menschenverständnis präsentiert.
Füttern Sie ihn mit Informationen, dem PWS-Buch und allen verfügbaren
schriftlichen Angaben zum Syndrom. Stellen Sie die Verbindung her zu
den in der Vereinigung bekannten Experten und gewinnen Sie so einen
Mitstreiter im Kampf gegen bürokratisches Unverständnis.
Don Quichottes Auseinandersetzung mit der Krankenkasse:
Wie häufig sind die Leistungen der Krankenkassen in den letzten
Jahren eingeschränkt und zusammengestrichen worden. Und wie oft
müssen heute fast alle Anwendungen und Leistungen nachgewiesen,
begründet und von dritter Seite bestätigt werden.
Beim PWS-Syndrom steigt dieser Aufwand noch weiter an. Ob für
Pflegemittel, Therapiedreirad oder spezielle Medikamente, immer wieder
ist der Versicherte im Zugzwang, die besondere Begründung zu erbringen.
Ganz schlimm wird es, die besonders aufwendigen Kuren (nur für
den Behinderten oder mit einer Einzelbetreuung) bewilligt zu bekommen.
Thomas fährt in diesem Jahr zum vierten Male nach Bad Orb. Bis
wir die Zusage von der Krankenkasse hatten, waren mehrere Briefe, Einsprüche
und Telefonate notwendig. Ausschlaggebend war ein längeres Telefongespräch
unseres Hausarztes (siehe oben) mit der Amtsärztin des Medizinischen
Dienstes, der er insbesondere erklärt hat, welche Probleme die
Stoffwechselstörung und Eßsucht beim PWS auslösen und
welche Maßnahmen dagegen einzuleiten sind. Unserem Arzt hat die
Amtsärztin geglaubt, die "dummen" Eltern, die ja schon
mal keine Mediziner sind, fanden dabei kein Gehör. So kam es, daß
eine Entscheidung der Krankenkasse "nach Aktenlage" glücklicherweise
revidiert wurde.
Fordern Sie also die Versicherungen, die im Grunde genommen froh sind,
wenn sie Geld ausgeben können. Denn dann liegen die Argumente auf
der Hand, die Beiträge zu erhöhen.
Bei Behörden - der persönliche Eindruck entscheidet:
Wenn man weiß, daß die Sachbearbeiter in den verschiedenen
Behörden und Ämtern keine andere Chance haben, als nur nach
Lage der vorhandenen Unterlagen zu entscheiden, kann man auch daraus
die richtige Strategie ableiten.
1. Geben Sie diesen Bearbeitern alle verfügbaren Unterlagen und
Infoblätter, die Sie nur auftreiben können; und wenn es das
23. Mal ist, daß Sie eine Kopie versenden.
2. Lassen Sie Beschlüsse und Bescheide von Behörden nicht
auf sich beruhen, sondern haken Sie nach: legen Sie Widerspruch ein,
telefonieren Sie zusätzlich mit dem Bearbeiter, nutzen Sie Besuchszeiten
in den Behörden (auch wenn diese ausschließlich tagsüber
zu arbeitnehmer-unfreundlichen Zeiten sind) und sprechen Sie persönlich
mit den Personen.
3. Lassen Sie nicht locker in dem Bemühen, den Sonderfall Ihres
Kindes in den Köpfen der Leute, mit denen Sie zu tun haben, so
fest wie möglich zu verankern. Der persönliche Eindruck, der
durch den Besuch des PWS-Betroffenen entsteht, hilft dabei, die Erinnerung
und die Offenheit zu stärken und auszubauen.
Wir wissen aus eigener Erfahrung, daß es sehr oft nur von dem
Sachbearbeiter abhängt, welche Entscheidung getroffen wird oder
wie die festgeschriebenen Gesetze angewendet und interpretiert werden.
Daher ist es so wichtig, daß Sie sich persönlich für
Ihr Kind einsetzen und nicht nur auf schriftlichem Wege mit den Behörden
verhandeln.
Was also ist zu tun?
Unser Resümee für die Leser lautet eigentlich ganz einfach:
Nehmen Sie Ihr Kind, so oft es irgend geht, zu allen Besuchen und Erledigungen
mit, die in direktem Zusammenhang mit dem Kind und seiner Behinderung
stehen. Die Leute in den Behörden müssen im wahrsten Sinne
"begreifen" können, um welche Behinderung es sich bei
PWS handelt.
Wir haben bemerkt, daß die Gesprächspartner sehr häufig
ihr Verhalten und ihre Einschätzung ändern, wenn sie in direkten
Kontakt mit dem Behinderten kommen. Sei es durch Einsicht oder aufgrund
unserer Erklärungen in Verbindung mit den Infoblättern der
PWS-Vereinigung, die uns vielfach geholfen haben. Sei es aber auch durch
das PWS-spezielle Verhalten, das den Gesprächspartner vielleicht
auch etwas nerven kann.
Geben Sie vor allem nie auf, für ihr PWS-Kind alle möglichen
(und vielleicht auch einmal unmöglichen) Vergünstigungen und
Vorteile zu erreichen. Jede Minute des "Kampfes" gegen die
Windmühlenflügel aus Unverständnis und Ignoranz lohnen
sich, für Ihr Kind - und letztlich auch für Sie. Geben Sie
der "normalen" Umwelt eine Chance, den Umgang mit PWS zu lernen.
Der oftmals beschriebene Nachteilsausgleich, der für Behinderte
vom Staat her vorgegeben ist, reicht bei weitem nicht aus. Sehen Sie
bitte die Sonderzahlungen des Staates und der Behörden nicht als
Almosen an, sondern nutzen Sie alle Vorteile aus, die Ihnen zur Verfügung
stehen. Versuchen Sie für Ihre Familie, den Nachteilsausgleich
in einen Vorteilsgewinn umwandeln.
Wir freuen uns auf Ihre Kommentare. Vielleicht haben Sie aber auch
Erfahrungen gemacht, die andere und auch wir noch nicht kennen. Bitte
berichten Sie darüber!
Mörfelden-Walldorf, im Juli 1998
Eva-Maria und Peter Früauf
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